Ein Nachtrag an meine Kameraden

Liebe Gerlind, lieber Steffen, Ralf, Marcus und Lammi! Ich sitze hier in Osh im Internetcafe. Allein! Vor nicht ganz genau acht Stunden habe ich euch zum Flughafen verabschiedet. Damit ging ein wirkliches Abenteuer fuer mich zu Ende. Beinahe hatte ich Traenen in den Augen, wie ihr in dem Auto davon fuhrt, mit dem wir auch vor drei Wochen in unser Abenteuer gestartet sind. Wahrscheinlich haette Marcus, unser forschender Psychologe, genau jetzt seine Studie zum Erfolg bringen koennen. Denn nach drei Wochen, in denen wir staendig gemeinsam waren und unseren Spass hatten, hinterlaesst mich dieser letzte Tag in Osh mit einer furchtbaren inneren Einsamkeit. Wahrscheinlich ist das ganz normal. Nun beginnt die Zeit des Erinnerns – leider und zum Glueck eben auch (solange wir uns noch erinnern koennen)!

_ALM0364_Pik Leipzig Team-StБck-Vettermann-LФfflmann-LФffelmann-Brummer-Lamm_ Foto Andreas Lamm_00003
Unsere Reise begann fuer mich, als ich nach Kirgistan reiste um euch dort zu erwarten. Einige von euch kannte ich von den Vorbereitungstreffen. Trotzdem war unsere Reise auch ein menschliches Wagnis. Schliesslich hatten wir bis dahin wenig bis gar nichts miteinander zu tun. Als ihr in der Nacht auf dem Flughafen in Osh angekommen seid, stand ich mit Olga dort und erwartete euch sehnlichst. Dass euer Gepaeck in Istanbul liegengeblieben war, nahm ich mehr oder weniger gelassen hin. Anders herum – das Gepaeck in Osh und ihr in Istanbul – waere wohl tragischer gewesen. Und schnell wurde uns zudem klar, dass die verlaengerte Zeit in Osh (wegen des Wartens auf das Gepaeck) zu unserem Vorteil gelangte. Ich muss euch sagen, unser bunter Haufen war mir von Beginn an mehr als sympathisch. Aber spaeter mehr dazu.
Nachdem wir unsere Olga (Kontaktperson unserer Agentur) naeher kennenlernten – und Olga hat ein Gemuet, dass ich mir nicht sicher bin, ob vielleicht Olga die Unruhen in Kirgistan seinerzeit ausloeste – ging unsere Reise ueber Kirgistans Berge hinweg, in Richtung Pik Leipzig. Manchmal habe ich mich gefragt, was der Berg fuer jeden von uns wohl bedeuten wuerde und ob denn wirklich nur dieser Berg, mitten im Nirgendwo, der Grund fuer jeden von uns war, diese Reise zu unternehmen. Fuer mich war der Berg – leider – nur ein Berg. Kein Grund. Keine Motivation. Keine besondere Bedeutung. Aber die vielen tausend Kilometer, zwischen hier und meinem Zuhause in Leipzig, die waren mein Antrieb. So als wuerde jeder weitergereiste Kilometer mein Gemuet etwas mehr entspannen. Und so kam ich voellig tiefenentspannt mit euch zusammen am Fusse des Pik Leipzig an.
Die wenigen Tage, oder waren es nur Stunden, die wir bis dahin zusammen verbachten, hatten uns bereits zu einem ernstzunehmenden Team geformt – zumindest musste der Berg dieses Buendnis ernst nehmen, wenn er uns denn wirklich seine Zaehne zeigen wollte. Und das tat er – allerdings erst etwas spaeter. Vorerst begann fuer einige von uns die eigene Erinnerung mit der Gegenwart zu verschmelzen. Ausser Marcus und Lammi, waren wir alle schon einmal an diesem Berg. Und wenn man von diesem Berg eine besondere waermliche Erfahrung mitnimmt, dann die Gastfreundschaft der einheimischen Hirten an diesem Erdenplatz. Es ist egal, dass die versorgenden Vaeter und Maenner hier und da unser Geld zum Anreiz nahmen. Es ist ihnen zu verzeihen. Trotzdem empfing man uns ueberall mit Freundlichkeit, Speis und Trank. Viele Gesichter waren uns bekannt und auch wir wurden Gott sei dank wiedererkannt. Mit Sicherheit ist es etwas sehr besonderes, so fern von der Heimat und fern der Zivilisation, auf Vertautheit unter eigentlich fremden Menschen zu stossen. Ein wunderschoenes Gefuehl!

DSC_0184_Team_1 Vettermann-LФfflmann-Gipfel_Foto Christian Vettermann_00004
In den naechsten Tagen mussten wir uns zu akklimatisieren, also an die Hoehe anpassen. So nennen wir Bergsteiger das. Man kann auch einfach behaupten, dass man sich die lieben und langen Tage mit weniger-als-sonst versuesste. Wir spazierten hier und dort, kochten unser Essen und schliefen bis die Sonne ueber den Bergen luckte. Ach ja…hatte Olga uns mit einer leeren Gasflasche hinterhaeltig ins Verderben schicken wollen…so hatte sie nicht damit gerechnet, dass wir auch dieses Problem schnell behoben. Ich war noch nie auf einem Pferd geritten, aber mit einer leeren Gasflasche, einem Gaskocher und einem kirgisischen Juengling war diese Premiere an jenem Tag geglueckt. Auch wenn ich mir – oder ward ihr das – sicher war, dass ich nur 5 Minuten bis zum bequemen Auto reiten sollte, um dann in die Stadt zu fahen, so haben sich die folgenden 5 Stunden (nicht Minuten) Reitpraxis durchaus ausgezahlt. Nur der Arsch tat weh und die Sonnencreme hat gefehlt. Aber noch am selben Abend und 3000 com aermer, waren wir zumindest um einen funktionierenden Gaskocher reicher.
Es folgten anchliessend noch viele Kleinigkeiten, und es tut mir im Herzen weh, jede noch so kleine Freude auszulassen. Aber schliesslich wird es spaeter noch einmal die Gelegenheit geben, zusammen und mit unseren Freunden und Familien auf Naeheres einzugehen. Ich moechte gerne zum Hoehepunkt, dem Gipfel unserer Reise kommen.

Die von uns so getaufte Brummer-Rinne lag nun zwischen uns und unserem Ziel, dem Pik Leipzig. Bereits im letzten Jahr bereitete mir der Gedanke in diese Rinne einzusteigen Kopfzerbrechen. Denn bei aller moderaten Schwierigkeit, lauerten hier wirkliche Gefahren fuer jeden Bergsteiger – allen voran die Steinschlaggefahr. Nirgendwo sonst habe ich je so viele Steine und Leben an mir vorbeirauschen hoeren und sehen koennen wie hier. Dies haben auch wir diesmal sehr schnell mit Schrecken bemerkt.. Wir koennen es ruhig und offen zugeben – der erste Versuch duch die Rinne zu gelangen war scheisse und wir haben viele Fehler gemacht. Mich selbst trieb die Angst so schnell nach oben, dass ich mich im Hochlager bereits sonnte, waehrend andere noch im unteren Teil steckten. Ein anderer verstieg sich und sowieso waren wir mehr ein bunter und gackernder Huehnerhaufen an diesem Tag, als eine Truppe von Bergsteigern. Zum Glueck hatten wir Funkgeraete um uns diesen tags auch noch gegenseitig damit vollzugackern. Nach einigen bloeden und riskanten Dingen, die wir lieber fuer uns behalten, hatten wir am Abend weder den Willen, die Kraft, noch die Motivation ueber den Tag zu reden. Zumindest aber sollte uns an diesem Tag klar werden, wir muessen besser zusammenarbeiten. Ich wunderte mich, warum wir das beim bergsteigen nicht bereits taten. Denn in den Lagern, beim Fruehstueck, Abendessen und Abwaschen waren wir doch ein wunderbares Team. Wir waren eben doch noch frische Freunde, eigene Persoenlichkeiten und mit unterschiedlichen Motivationen an den Berg gereist. Das wurde mir in diesem Augenblick klar. Der Berg zeigte uns seine Zaehne!

_ALM0175_Team2-Gipfelfoto-Lamm-LФfflmann-StБck_Foto Andreas Lamm_00001
Wir waren demuetig, drohten einzuknicken und schoben Vernunft und Respekt vor unseren folgenden Aussagen ueber den Berg her. Wir hatten schlicht und einfach Schiss. Und Schiss gehoert wohl zum Bergsteigen, wie der Wille wieder vom Berg herunter zu kommen. Der Berg war fuer uns an diesem Tag in weite Ferne gerueckt. Nun mag man ewig darueber sinnieren, warum sich das Leben gerade in solchen Momenten ein zweites Mal wendet – zumindest passierte es so auch bei uns. Wir fassten neuen Mut – ich fasste neuen Mut. Zusammen mit Ralf entschloss ich mich, die Rinne und den Berg noch einmal anzugehen. Und apropos Ralf – du bist ein ausgezeichneter Expeditionsleiter gewesen. Auch wenn du diesen Begriff vielleicht nicht gerne hoerst, oder dich in Bescheidenheit – nur – einen Bergkameraden nennst. Deine Meinung, deine gruendlichen Gespraeche mit uns, haben uns geerdet. Du hast uns auf den Boden der Tatsachen gebracht, warst uns eine Orientierung und ein sicherer Partner in jeder Situation. Ich wuerde fast behaupten, die staemmige Eiche in der Mitte des Waldes. Selbst wenn wir verschiedener Meinung waren – waren deine Ratschlaege richtig und wichtig. Und ganz besonders dieser feste Bezugspunkt, welcher du fuer uns gewesen bist, hat uns zum Erfolg geleitet. Dafuer moechte ich dir sehr danken! Immer wieder wuerde ich mit dir ein solches Abenteuer unternehmen.

Als wir, Ralf und ich, an diesem Frueh zusammen starteten, die Stirnlampen wiesen uns den Weg bis zum Beginn der Rinne, war ich voll von Hoffnung und Kraft. Nach einer Stunde sagtest du mir, dass du dich nicht fit genug fit genug fuehlst und umkehren moechtest. Vielleicht hast du dich gefragt, warum ich in diesem Augenblick nichts sagte und deinen Entschluss einfach hinnahm. Weil ich ohne es wirklich zu hoeren, dich sagen hoerte, dass du uns und auch mir eine Chance geben wolltest. Du hast unseretwegen zurueckgesteckt, du alter Wolf! Ich war sehr schnell unterwegs, vielleicht zu schnell. Aber schnell genug, um den Gipfel sicher zu erreichen, wenn der Berg nur die eine Chance freigab. Ich habe mir auf dem weiteren Weg zum Hochlager und durch die Rinne einige Male Vorwuerfe gemacht, mich gefragt, ob ich ruecksichtslos war. Aber ich glaube und hoffe das war ich nicht. Es haette mir trotzdem und unendlich viel bedeutet, mit dir zusammen auf deinem Gipfel zu stehen. Es kam anders – aber du gabst mir die neue Gipfelkasette mit, welche im am Gipfel hinterlassen sollte. So warst du im Geiste doch immer bei uns, bis zum Gipfel.

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Zusammen mit Steffen trat ich am folgenden Morgen den Weg zum Gipfel an. Wir waren eine ueberraschend gute Zweierseilschaft und kamen schnell und sicher voran. Es war fast spielerisch, wie wir an diesem Tag zum Gipfel gelangten. Der Berg hatte seine Zaehne gezeigt – und wir putzten sie Zahn um Zahn. Am Ende standen wir auf dem Gipfel und am folgenden Tag auch Gerlind, Lammi und Marcus. Es war ein besonerer Moment fuer jeden von uns. Steffen war den Traenen nahe – und ich habe es mir viel zu maennlich verdrueckt. Aber ich war kurz davor.
Mit diesem Erfolg, der vorallem ein persoenlicher Sieg ist, reisen wir nun alle nach Hause. Und Zurueckkehren ist eines der wichtigsten Dinge bei einer Reise, viellicht das Wichtigste. Meine Familie, mein Freund, meine Freunde…es warten so viele auf mich, auf die ich mich unheimlich freue. Ganz besonders aber freue ich mich auch darauf, euch alle wiederzusehen, mit denen ich hier wunderbare Tage und Wochen verbracht habe.

Danke Gerlind / Danke Ralf / Danke Steffen / Danke Lammi und Danke Marcus

Euer Christian